Fulda kann Menschen in seine Innenstadt holen. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre lautet deshalb nicht mehr nur, wie Besucher ins Zentrum gelangen, sondern warum sie dort bleiben sollen. Aufenthaltsqualität könnte dabei zu einem der wichtigsten Standortfaktoren der Innenstadt werden.
Fulda hat eine Innenstadt, um die viele andere Städte die Domstadt beneiden dürften. Historische Bausubstanz, Dom, Stadtschloss, Schlossgarten, zahlreiche Geschäfte, Gastronomie, Kulturangebote und kurze Wege liegen auf vergleichsweise engem Raum beieinander.
Das allein garantiert jedoch noch keine dauerhaft lebendige Innenstadt.
Denn deutsche Stadtzentren befinden sich mitten in einem grundlegenden Wandel. Onlinehandel, veränderte Einkaufsgewohnheiten und neue Erwartungen an öffentliche Räume verändern die Funktion der klassischen Einkaufsstadt. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen formuliert die Konsequenz inzwischen ziemlich eindeutig: Zukunftsfähige Innenstädte sollen nicht mehr überwiegend Einkaufsorte sein, sondern multifunktionale Orte zum Wohnen, Arbeiten, Begegnen, Lernen, Essen, Erholen und Einkaufen. Hohe Aufenthaltsqualität gehört ausdrücklich zu diesem Leitbild.
Für Fulda bedeutet das einen Perspektivwechsel.
Die Innenstadt muss nicht nur gut funktionieren. Sie muss ein Ort sein, an dem Menschen auch ohne konkreten Anlass gerne Zeit verbringen.
Fulda hat bewiesen, dass Menschen in die Innenstadt kommen
Wie groß die Anziehungskraft der Stadt sein kann, zeigte der Hessentag im Juni 2026 eindrucksvoll. Rund 1,1 Millionen Besucherinnen und Besucher kamen innerhalb von zehn Tagen nach Fulda. Ursprünglich war mit etwa 700.000 Gästen kalkuliert worden.
Natürlich lässt sich ein außergewöhnliches Landesfest nicht mit einem gewöhnlichen Dienstag im Oktober vergleichen.
Aber der Hessentag hat etwas sichtbar gemacht, das für die weitere Innenstadtentwicklung interessant ist: Fulda kann enorme Besucherströme aufnehmen und gleichzeitig auf relativ kurzen Wegen sehr unterschiedliche Orte miteinander verbinden.
Menschen liefen vom Bahnhof durch die Innenstadt, hielten sich auf Plätzen auf, besuchten Gastronomie und Veranstaltungen und bewegten sich zwischen verschiedenen Angeboten.
Genau darin steckt eine wichtige Erkenntnis.
Eine lebendige Innenstadt entsteht nicht allein dadurch, dass möglichst viele Menschen einen bestimmten Laden erreichen. Sie entsteht dann, wenn zwischen mehreren Zielen weitere Gründe zum Bleiben entstehen.
Der Unterschied klingt klein, ist städtebaulich aber enorm.
Von der Ankunftsqualität zur Aufenthaltsqualität
Fulda diskutiert wie praktisch jede Mittelstadt immer wieder über Erreichbarkeit und Parkmöglichkeiten. Das ist nachvollziehbar, gerade für ein Oberzentrum mit großem ländlichen Einzugsgebiet.
Doch die Innenstadt verfügt bereits über erhebliche Parkkapazitäten in fußläufiger Entfernung.
Das Parkhaus Richthalle bietet beispielsweise 595 Stellplätze und liegt rund zwei Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Das Parkhaus Rosengarten verfügt über 665 Stellplätze und liegt etwa sieben Gehminuten von der historischen Altstadt entfernt. Auf der Ochsenwiese stehen zusätzlich rund 550 oberirdische Stellplätze zur Verfügung, das dortige Parkhaus bietet weitere 290.
Das bedeutet nicht, dass Parkplätze unwichtig wären.
Es bedeutet aber, dass die Diskussion über eine attraktive Innenstadt nicht beim Abstellen des Autos enden sollte.
Die eigentliche Wertschöpfung beginnt erst danach.
Wer sein Auto abstellt oder am Bahnhof ankommt, soll möglichst selbstverständlich durch die Stadt laufen, unterwegs etwas entdecken, einen Kaffee trinken, Geschäfte besuchen, vielleicht noch eine Ausstellung anschauen und länger bleiben als ursprünglich geplant.
FuldaNahDran meint deshalb: Die entscheidende Kennzahl für die Innenstadt der Zukunft sollte nicht nur Besucherfrequenz sein. Mindestens ebenso wichtig ist die Aufenthaltsdauer.
Eine Innenstadt ist kein Einkaufszentrum ohne Dach
Der klassische Gedanke vieler Fußgängerzonen war jahrzehntelang einfach: Menschen kommen zum Einkaufen. Entsprechend wurden Innenstädte stark auf Einzelhandel ausgerichtet.
Dieses Modell verliert an Kraft.
Wer lediglich ein bestimmtes Produkt benötigt, kann es heute häufig schneller online bestellen. Die Innenstadt muss deshalb etwas bieten, was ein Paketdienst nicht liefern kann: Atmosphäre, Begegnung, Überraschung, Öffentlichkeit und Lebensqualität.
Das heißt nicht, dass Einzelhandel weniger wichtig wird.
Im Gegenteil.
Eine angenehme Innenstadt kann gerade den stationären Handel stärken, weil Menschen häufiger vorbeikommen und länger bleiben. Aber Geschäfte können die Innenstadt nicht mehr alleine tragen.
Fulda scheint diesen Wandel inzwischen selbst stärker zu berücksichtigen.
Beim im Juli 2026 aufgestellten Bebauungsplan „Innenstadt Süd“ formuliert die Stadt ausdrücklich das Ziel einer Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Gastronomie, Kultur und Freizeit. Das rund 1,65 Hektar große Gebiet soll als urbanes Gebiet entwickelt werden. Die Stadt spricht selbst von einer lebendigen und multifunktional genutzten Innenstadt.
Das ist ein bemerkenswerter Satz.
Denn letztlich steckt darin genau die Antwort auf die Frage, wie Innenstädte nach der klassischen Einkaufsstadt aussehen könnten.
Fast 7.800 Menschen wohnen bereits mitten in Fulda
Bei Diskussionen über Innenstädte wird außerdem eine Gruppe erstaunlich häufig vergessen: die Menschen, die dort wohnen.
Ende 2025 lebten im statistischen Bezirk Innenstadt 7.778 Menschen. Damit ist das Zentrum keineswegs nur ein Ort, den Menschen aus anderen Stadtteilen morgens betreten und abends wieder verlassen. Es ist selbst eines der größeren Wohnquartiere Fuldas.
Auch die Altersstruktur ist interessant.
Im Juli 2025 lebten dort unter anderem 830 Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, 1.069 zwischen 25 und 30 Jahren und 1.893 zwischen 30 und 45 Jahren.
Für die Stadtentwicklung ist das relevant.
Eine Innenstadt mit Tausenden Bewohnerinnen und Bewohnern braucht andere Qualitäten als ein reines Einkaufsgebiet: Sitzmöglichkeiten, Grün, Spielmöglichkeiten, attraktive Wege, Orte für Begegnungen und Angebote, die auch nach Geschäftsschluss funktionieren.
Eine gute Innenstadt muss deshalb mindestens drei Gruppen gleichzeitig bedienen: Menschen, die dort wohnen, Menschen, die dort arbeiten, und Menschen, die zu Besuch kommen.
Wenn ein öffentlicher Raum nur für eine dieser Gruppen funktioniert, bleibt Potenzial liegen.
Das vielleicht größte Defizit wird im Sommer sichtbar
Besonders deutlich zeigt sich die Bedeutung von Aufenthaltsqualität an heißen Tagen.
Die Stadt Fulda weist selbst darauf hin, dass sich die Innenstadt aufgrund ihrer zahlreichen gepflasterten und asphaltierten Flächen besonders stark aufheizt. Als Orte zur Abkühlung nennt sie unter anderem schattige Sitzplätze und den Schlossgarten. Seit März 2026 arbeitet die Stadt zudem gemeinsam mit Fachbüros an einem Klimaanpassungskonzept.
Damit wird Stadtgrün von einem gestalterischen Extra zu Infrastruktur.
Ein Baum ist dann nicht nur Dekoration. Er produziert Schatten.
Eine Bank unter diesem Baum ist nicht nur Stadtmobiliar. Sie ermöglicht älteren Menschen eine Pause, Familien einen Zwischenstopp und Besucherinnen und Besuchern einen Grund, länger zu bleiben.
Das Umweltbundesamt weist ebenfalls darauf hin, dass gerade stark versiegelte Innenstadtlagen Hitzeinseln entwickeln. Mehr Bäume, Begrünung und Verschattung können die Aufenthaltsbedingungen deutlich verbessern.
Für Fulda ergibt sich daraus eine sehr praktische Frage:
Kann man an einem heißen Sommertag durch die Innenstadt laufen und ungefähr alle fünf Minuten einen attraktiven, schattigen und kostenlosen Ort zum Sitzen finden?
Das wäre ein erstaunlich sinnvoller Test für Aufenthaltsqualität.
Nicht die Anzahl der Blumenkübel wäre die entscheidende Größe, sondern ein zusammenhängendes Netz angenehmer Aufenthaltsorte.
Sitzen dürfen, ohne etwas kaufen zu müssen
Dabei sollte Fulda einen Punkt besonders ernst nehmen: Guter öffentlicher Raum funktioniert auch ohne Konsumzwang.
Außengastronomie trägt enorm zur Atmosphäre einer Innenstadt bei. Fulda hat die zulässigen Betriebszeiten der Außengastronomie im Sommer 2026 freitags, samstags und vor Feiertagen sogar bis 24 Uhr erweitert.
Doch ein Caféstuhl ist kein Ersatz für eine öffentliche Bank.
Jugendliche, ältere Menschen, Familien, Menschen mit kleinem Einkommen oder Besucher, die einfach zehn Minuten sitzen möchten, brauchen Orte, an denen niemand erwartet, dass sie etwas bestellen.
Schon 2023 beschäftigte sich die Stadtpolitik mit Anträgen zu öffentlichen Trinkbrunnen und zusätzlichen Sitzgelegenheiten auf stark von Fußgängern genutzten Strecken.
Das Thema ist also nicht neu.
Entscheidend wäre nun, daraus ein zusammenhängendes Konzept zu machen.
Das KARL zeigt, was Nutzungsmischung bedeuten kann
Ein besonders interessantes Experiment findet bereits mitten in Fulda statt.
Das ehemalige Kaufhaus Kerber wird als Konzepthaus KARL schrittweise anders genutzt. Während des Hessentags dienten Flächen unter anderem als Landesausstellung und Veranstaltungsort. Gastronomie, Pop-up-Angebote, Improtheater, Kinder-Akademie, Kulturdachgarten, Messen und weitere temporäre Nutzungen ergänzen beziehungsweise ergänzten den klassischen Einzelhandel.
Die Stadtentwicklungsgesellschaft bezeichnet das KARL selbst als „Stadtlabor“. Rund 1.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche sollten nach dem Hessentag neu vermietet oder temporär unterschiedlich bespielt werden.
Gerade darin könnte ein Modell für die Innenstadt der Zukunft liegen.
Leerstand muss nicht immer sofort durch den nächsten klassischen Laden ersetzt werden.
Manche Flächen könnten zeitweise Werkstatt, Ausstellung, Veranstaltungsort, Bildungsraum, Markthalle, Atelier, Start-up-Fläche oder Treffpunkt sein.
Ein leerstehendes Schaufenster erzeugt Stillstand.
Eine temporär genutzte Fläche erzeugt einen Anlass.
Und Innenstädte brauchen heute vor allem eines: viele unterschiedliche Anlässe.
Die Innenstadt sollte auch zwischen Veranstaltungen funktionieren
Fulda verfügt über starke Veranstaltungen. Stadtfest, Weihnachtsmarkt, Domplatzkonzerte und zuletzt der Hessentag bringen regelmäßig viele Menschen ins Zentrum.
Das Stadtfest 2026 bot beispielsweise vier Tage lang Musik, Shows, Mitmachangebote, Kinderprogramm und Gastronomie in der Innenstadt.
Solche Ereignisse sind wertvoll.
Sie können aber nicht die Aufgabe des öffentlichen Raums übernehmen.
Der eigentliche Qualitätstest findet an einem gewöhnlichen Mittwochvormittag, einem Montagabend im März oder einem heißen Nachmittag während der Sommerferien statt.
Ist die Innenstadt dann ebenfalls interessant?
Gibt es Orte, an denen etwas passiert?
Kann man dort einfach sein?
Genau hier trennt sich Veranstaltungsqualität von echter Aufenthaltsqualität.
Fünf konkrete Prüfsteine für Fulda
FuldaNahDran schlägt deshalb vor, die Qualität der Innenstadt künftig anhand einiger sehr einfacher Fragen zu betrachten.
Erstens: der Fünf-Minuten-Sitztest.
Gibt es entlang der wichtigsten Fußwege regelmäßig attraktive kostenlose Sitzmöglichkeiten, möglichst im Schatten?
Zweitens: der Erdgeschoss-Test.
Wie viele Fassaden entlang wichtiger Wege bieten tatsächlich etwas zu sehen oder zu erleben? Leerstände, geschlossene Fronten und rein funktionale Fassaden unterbrechen das Stadterlebnis.
Drittens: der Abend-Test.
Welche Bereiche bleiben nach 19 Uhr lebendig, wenn ein großer Teil des Einzelhandels geschlossen hat?
Viertens: der Kinder-Test.
Gibt es in der Innenstadt kleine Orte, die für Familien interessant sind, ohne dass dafür Eintritt bezahlt oder etwas konsumiert werden muss?
Fünftens: der Hitzetest.
Welche Wege würden Menschen an einem 32 Grad heißen Nachmittag freiwillig wählen und welche Plätze meiden sie?
Diese Fragen wirken banal.
Tatsächlich beschreiben sie ziemlich präzise, ob eine Innenstadt für Menschen gestaltet ist oder hauptsächlich für das schnelle Durchqueren.
Kleine Eingriffe können mehr bringen als der nächste große Umbau
Mehr Aufenthaltsqualität bedeutet außerdem nicht zwangsläufig, dass Fulda sofort Millionenbeträge in neue Plätze investieren muss.
Gerade Innenstädte eignen sich hervorragend für Experimente.
Temporäre Sitzlandschaften können zeigen, welche Standorte angenommen werden. Mobile Bäume und Begrünung können verdeutlichen, wo Schatten besonders fehlt. Kleine Spielflächen können getestet werden. Leerstände können zunächst für einige Monate genutzt werden. Parkflächen können punktuell anders bespielt werden, bevor dauerhaft gebaut wird.
Genau solche Reallabore empfiehlt auch die Bundespolitik als Instrument der Innenstadtentwicklung: Veränderungen werden zunächst unter realen Bedingungen ausprobiert und anschließend anhand ihrer tatsächlichen Nutzung bewertet.
Fulda müsste also nicht überall sofort endgültige Antworten haben.
Die Stadt könnte häufiger ausprobieren.
Aufenthaltsqualität ist Wirtschaftspolitik
Am Ende geht es dabei keineswegs nur um schönere Plätze.
Aufenthaltsqualität ist auch Wirtschaftsförderung.
Wer länger in einer Innenstadt bleibt, hat mehr Gelegenheiten, Geschäfte wahrzunehmen, Gastronomie zu besuchen oder spontan Geld auszugeben. Gleichzeitig erhöht eine attraktive Umgebung die Qualität von Wohnstandorten, Arbeitsplätzen und Immobilien.
Nicht zufällig nennt das Fuldaer Citymanagement neben der Stabilisierung von Einzelhandel und Gastronomie ausdrücklich die Steigerung der Aufenthaltsqualität im Zentrum als eine seiner Aufgaben.
Die Interessen von Handel und öffentlichem Raum stehen deshalb nicht zwangsläufig gegeneinander.
Im Gegenteil.
Die Fußgängerin, die sich gerne eine Stunde länger in Fulda aufhält, ist für die Innenstadt wahrscheinlich wertvoller als der Autofahrer, der möglichst nah vor einem Geschäft parkt, einen Einkauf erledigt und zehn Minuten später wieder weg ist.
Fulda hat dafür ungewöhnlich gute Voraussetzungen
Fulda beginnt bei dieser Aufgabe nicht bei null.
Die historische Innenstadt schafft Identität. Bahnhof und Zentrum liegen nah beieinander. Große Parkmöglichkeiten befinden sich in überschaubarer Entfernung. Gastronomie und Kultur sind vorhanden. Tausende Menschen wohnen bereits im Zentrum. Mit Projekten wie dem KARL werden neue Nutzungen erprobt. Gleichzeitig verfolgt die Stadt bei der Innenstadt Süd inzwischen ausdrücklich das Ziel einer stärkeren Nutzungsmischung.
Das Fundament ist also da.
Gerade deshalb wäre es zu wenig, die Zukunft der Innenstadt ausschließlich daran zu messen, welche Ladenkette neu eröffnet oder wie viele Stellplätze verfügbar sind.
Die spannendere Frage lautet:
Wie viele Gründe gibt es, nach dem eigentlichen Anlass noch eine Stunde länger in Fulda zu bleiben?
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Kennzahl für die Innenstadt der kommenden Jahre.
Denn eine erfolgreiche Innenstadt ist künftig nicht unbedingt diejenige, in der Menschen besonders schnell alles erledigen können.
Es könnte diejenige sein, aus der sie noch gar nicht nach Hause gehen möchten.
FuldaNahDran meint: Fulda muss seine Innenstadt nicht neu erfinden. Aber die Stadt sollte den öffentlichen Raum konsequenter als eigenen Standortfaktor behandeln. Mehr Schatten, mehr kostenlose Sitzgelegenheiten, mehr Nutzungsmischung, mehr Leben in Erdgeschossen und mehr Gründe zum Verweilen würden nicht nur das Stadtbild verbessern. Sie könnten darüber entscheiden, wie lebendig das Zentrum in zehn oder zwanzig Jahren noch ist.


